1.      Was bedeutet für Sie persönlich der Tag der Rückengesundheit?

Die Frage, was Rückengesundheit für mich bedeutet, ist wesentlich spannender. Es stärkt zweifellos das Bewusstsein, etwas Gutes für die Gesundheit der Wirbelsäule zu tun. Rückengesundheit bedeutet für mich nicht nur Stärke und Beweglichkeit, sondern auch das selbstbewusste Bewegen und Belasten der Wirbelsäule, frei von Ängsten. Leider geht das bei vielen aufgrund von Schmerzerfahrungen, unzureichender Beratung oder hartnäckigen, nicht evidenzbasierten Mythen rund um das Thema verloren. Die Tendenz, sich in der Bewegung und Belastung einzuschränken, nimmt zu. Use it, or Lose it!

2.      Welche Rolle spielen im Allgemeinen Bewegung und Sport für die Rückengesundheit, und welche Arten von Übungen empfehlen Sie als Experte speziell für Menschen mit Rückenproblemen?

Sehr wichtig ist natürlich die Vielfalt der Bewegungen, die je nach Bewegungsart unterschiedliche Bewegungsmechanismen erfordern. Die Wirbelsäule profitiert davon enorm. Durch Bewegung wird der Stoffwechsel in allen Teilen des Rückens angeregt, was dazu beiträgt, dass die Gelenke mit ihren umliegenden passiven Strukturen wie Bändern und Gelenkskapseln beweglich bleiben. Die Innenschicht der Gelenkskapsel produziert Synovia, also die Gelenksflüssigkeit. Die Nervenstränge werden stimuliert und die Muskeln aktiviert. Zusätzlich lindert Bewegung Schmerzen, unter anderem durch die Ausschüttung von Hormonen.

Es gibt nicht die eine Rückenübung. Stellen Sie sich vor, ich gebe jedem die gleichen Übungen, also eine Schablone. Das würde nicht jedem helfen. Die Übung, die Patient A geholfen hat, hilft daher nicht zwangsläufig auch Patient B. Dann bräuchten wir nicht über Rückengesundheit sprechen. Wir müssen jeden Menschen in Bezug auf seine individuellen Kontextfaktoren untersuchen und dementsprechend behandeln. Grundsätzlich bin ich jedoch ein Freund davon, es so einfach wie möglich zu halten. Sich zunächst darauf zu besinnen, welche Bewegungen die Wirbelsäule grundsätzlich durchführen kann, ist dabei das Einfachste: Beugen, Strecken, zur Seite neigen und rotieren. Dabei ist das Schmerzmanagement von wichtiger Bedeutung. Wenn wir die Kontextfaktoren jedes Einzelnen betrachten, benötigt der Patient vielleicht nicht einmal primär ein paar Übungen, sondern Hilfe aus anderen Bereichen. Dabei spielen Faktoren wie Stress, Schlaf, Ernährung, Hormone, Immunsystem, das soziale Umfeld und einige andere eine größere Rolle.

3.      Welche Bedeutung hat eine ergonomische Gestaltung des Arbeitsplatzes für die Prävention von Rückenschmerzen, und welche Tipps geben Sie Menschen, um ihren Arbeitsplatz rückengerecht zu gestalten?

Grundsätzlich richtet sich die Ergonomie nach dem Arbeitsplatz, den jeweiligen Arbeitsanforderungen und dem Mitarbeiter. Verstellbare Stühle oder Tische ermöglichen es, die Haltung zu variieren, was durchaus hilfreich ist. Je nach Arbeitsplatz wird dadurch die Arbeit erleichtert oder sogar effizienter gestaltet.

In Bezug auf Rückenschmerzen betrachte ich das Thema Ergonomie jedoch noch aus einem anderen Blickwinkel. Ergonomie bekräftigt oft die Idee, dass wir unsere Wirbelsäule schützen müssen, anstatt zu vermitteln: Vertraue deiner Wirbelsäule! Bewege deine Wirbelsäule! Kräftige deine Wirbelsäule! Der wirtschaftliche Schaden durch Rückenerkrankungen steigt kontinuierlich an. Laut Ikk e.V. belaufen sich die Kosten auf 53 Milliarden Euro pro Jahr, und die Tendenz ist steigend. Es läuft also immer noch etwas gewaltig schief.

Zudem wissen wir jetzt, dass Rückenbeschwerden nicht nur strukturell bedingt sind. Wäre es nicht sinnvoller, in aktive oder aufklärende Gesundheitsprogramme zu investieren? Steigernde Bewegung und Belastung kombiniert mit evidenzbasierter Beratung und Aufklärung haben nachweislich einen deutlich besseren Effekt und wirken präventiv auf viele Erkrankungen, die weit über Rückenbeschwerden hinausgehen. Was ist also wirklich rückengerecht?

4.      Wie können Menschen im Alltag aktiv dazu beitragen, ihre Rückengesundheit zu fördern, insbesondere in einer zunehmend sitzenden Gesellschaft?

Da sich viele berufsbedingt schwer vom Stuhl trennen können, ist es wichtig, die Sitzposition häufig zu wechseln. Studien zeigen, dass es tatsächlich nicht so wichtig ist, wie wir sitzen, sondern vielmehr die Variation entscheidend ist. So sollte man nicht nur möglichst aufrecht sitzen, sondern auch mal entspannter „lümmeln“. Diese Variationen sind nicht nur gut für die Bandscheiben, sondern auch für den gesamten Körper.

Eine weitere Möglichkeit ist es, die Sitzfläche zu variieren. Man kann sich beispielsweise auf einen Gymnastikball setzen, ein Kissen oder einen Keil verwenden usw. Das ist das Minimum, was man tun kann. Noch besser ist es, etwa alle 45 Minuten aufzustehen, zu gehen, sich frei zu bewegen oder 2-3 Übungen zu machen. Wenn eine Sitzhaltung ein unangenehmes Gefühl erzeugt, ist das ein Signal, sich in eine andere Haltung zu begeben. Die Dauer, wie lange jemand eine Haltung einnehmen kann, ist individuell verschieden.

Merke: Die nächste Haltung ist die beste Haltung. Sitzen ist jedenfalls nicht das neue Rauchen! Dies klingt ja beängstigend und lebensbedrohlich!

5.      Welche Rolle spielt die Ernährung bei der Vorbeugung von Rückenbeschwerden, und gibt es bestimmte Nahrungsmittel oder Nährstoffe, die besonders förderlich für die Rückengesundheit sind?

Die Ernährung spielt eine wichtige Rolle bei der Vorbeugung von Rückenbeschwerden, da sie dazu beitragen kann, Entzündungen zu reduzieren, die Knochengesundheit zu fördern und die Muskelfunktion zu unterstützen. Einige Nahrungsmittel und Nährstoffe können besonders förderlich für die Rückengesundheit sein. Dazu gehören Omega-3-Fettsäuren. Diese sind entzündungshemmenden befinden sich in Fisch wie Lachs, Makrele und Sardinen. Vitamin D spielt eine wichtige Rolle bei der Knochengesundheit und der Aufnahme von Calcium. Gute Quellen für Vitamin D sind Fisch, Eier und angereicherte Lebensmittel. Es ist auch wichtig, regelmäßig Sonnenlicht zu bekommen, da die Haut Vitamin D durch Sonneneinstrahlung produziert. Ein ausreichender Kalziumgehalt ist entscheidend für starke Knochen. Milchprodukte, grünes Blattgemüse, Mandeln und Sardinen sind gute Quellen. Magnesium ist wichtig für die Muskelgesundheit und die Nervenfunktion. Es kommt in Nüssen, Samen, Hülsenfrüchten und Vollkornprodukten vor. Antioxidantien sind in Obst und Gemüse enthalten, die dazu beitragen können, Entzündungen im Körper zu reduzieren und die allgemeine Gesundheit zu fördern. Eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr ist wichtig für die Gesundheit der Bandscheiben und die Linderung von Rückenschmerzen. Es ist wichtig, eine ausgewogene Ernährung mit einer Vielzahl von Nahrungsmitteln zu sich zu nehmen, um sicherzustellen, dass alle Nährstoffe abgedeckt sind und die Rückengesundheit unterstützt wird.

6.      Wie kann Stress und psychische Belastung die Rückengesundheit beeinflussen, und welche Entspannungstechniken empfehlen Sie, um Stress abzubauen und Rückenbeschwerden vorzubeugen?

Stress und psychische Belastungen spielen wahrscheinlich eine der größten Rollen bei der Rückengesundheit. Für Betroffene selbst mögen einige ihrer Probleme nicht wichtig erscheinen oder nicht wichtig genug. Das wird oft mit dem Spruch „Ach, es gibt auch schlimmeres auf der Welt“ abgetan. Das ist jedoch der falsche Ansatz! Für den Einzelnen können diese Probleme in Wirklichkeit sehr belastend sein. Dabei gibt es sicherlich viele Themen, die über die Kompetenzen der Physiotherapie hinausgehen. Wir können zumindest dabei helfen, andere Faktoren zu identifizieren und unterstützend zur Seite zu stehen.

Aus physiotherapeutischer Sicht scheint Krafttraining nach Studienergebnissen sehr wirksam zu sein. Aber auch Methoden wie Atemübungen, progressive Muskelrelaxation, Fantasiereisen oder ein Spaziergang können enorm helfen. Ich bin der Meinung, dass jeder noch seine eigene Art hat, um zu entspannen oder etwas Seelenfrieden zu finden. Für den einen mag es das Lesen sein, für den anderen das laute Hören von Musik. Bitte sucht gegebenenfalls Hilfe und sprecht mit einer Vertrauensperson oder besser noch mit einem Profi darüber. Auch dort gibt es ausgezeichnete Ansätze, wovon die Wirbelsäule letztlich profitieren kann.

7.      Welche innovativen Technologien oder Therapien gibt es derzeit zur Behandlung von Rückenschmerzen, und wie können Betroffene Zugang zu diesen erhalten?

In unserer Praxis arbeiten wir mit innovativen elektronischen Kraftgeräten, die es uns ermöglichen, jeden Trainingssatz an jedem Gerät individuell auf den Patienten abzustimmen, basierend auf seiner Beweglichkeit und Belastbarkeit. Das macht das Training sehr sicher, einfach und effektiv, insbesondere für unsichere Menschen. Die verschiedenen Einstellungsmöglichkeiten helfen dabei, sich auf die Geräte und die neuen Übungen einzulassen und den Mut zur Bewegung und Belastung wiederzuentdecken. Bei uns können Patienten durch eine ärztliche Verordnung, einen Präventionskurs durch die Krankenkasse, T-RENA nach einer Rehamaßnahme oder durch eine Mitgliedschaft Zugang zum Training erhalten. Das Training wird zudem durch Fachpersonal betreut.

Für diejenigen, die sich nicht für diese Art von Training interessieren, stehen einfache Alternativen zur Verfügung. Radfahren oder schnelles Gehen bzw. langsames Joggen ist laut aktueller Studienlage sehr förderlich für die Rückengesundheit. Auch Übungen sind selbstverständlich möglich. Man kann beispielsweise das Theraband entstauben, den Gymnastikball aufpumpen und loslegen. In jedem Fall ist eine Behandlung nach dem Bio-Psycho-Sozial Model das Mittel der Wahl. Das berücksichtigt sämtliche Einflussfaktoren der Schmerzentstehung.

8.      Wie können Eltern dazu beitragen, dass ihre Kinder eine gesunde Haltung entwickeln und Rückenproblemen im späteren Leben vorbeugen?

Kinder spielerisch zur Bewegung anzuregen und letztendlich zu fördern, ist ein ausgezeichneter Anfang. Dabei können wir selbst als gute Vorbilder dienen. Es ist jedoch auch wichtig zu beachten, wie Eltern auf Schmerzerfahrungen ihrer Kinder reagieren. Zudem ist es ratsam, das Gespräch mit den Kindern zu suchen, um herauszufinden, ob möglicherweise eher andere Faktoren als ein zu schwerer Rucksack eine Rolle spielen, die den Schmerz beeinflussen könnten. Konflikte in der Schule oder Drucksituationen sind typische Beispiele dafür. Indem wir empathisch auf solche Situationen reagieren und den Kindern einen Raum für Offenheit und Austausch bieten, können wir dazu beitragen, dass sie ein gesundes Verhältnis zur Bewegung entwickeln und ihre Schmerzen besser bewältigen können.

9.      Was ist Ihnen in diesem Zusammenhang sonst noch wichtig, zu erwähnen?

Schmerz ist unser Freund, er dient dazu, uns zu schützen. Natürlich ist es ein äußerst unangenehmes Gefühl, das niemand gerne erlebt, aber es hat auch seinen Zweck. Schmerz signalisiert uns, dass wir handeln sollten. Wir können daraus lernen und unser Verhalten entsprechend anpassen. Es ist wichtig zu verstehen, dass Schmerz nicht immer gleichbedeutend mit Schaden ist, und umgekehrt bedeutet Schaden nicht zwangsläufig Schmerz. Jeder kennt dazu ein Beispiel aus seinem Alltag. Deshalb ist es auch wichtig zu erkennen, dass Rückenschmerzen nicht allein durch Gewebeschäden verursacht werden. Die Kontextfaktoren müssen ebenfalls berücksichtigt werden. Das ist auch ein Grund, warum Schmerzen oft langanhaltend sein können. Dabei verändert sich der Zweck des Schmerzes im Laufe der Zeit. Etwas vereinfacht ausgedrückt kann Schmerz erlernt, aber auch wieder verlernt werden. Das erfordert unter anderem die richtige Unterstützung, Zeit und ein klares, ganz persönliches Ziel.

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